Öffentliche Podiumsdiskussion des SoVD-Ortsverbandes Lauterecken am 28. Februar 2026 zum Thema “Gemeinsam gegen Einsam – Wege aus der Einsamkeit”
Einsamkeit: Das Monster der Moderne
Öffentliche Podiumsdiskussion des SoVD-Ortsverbandes Lauterecken am 28. Februar 2026 zum Thema “Gemeinsam gegen Einsam – Wege aus der Einsamkeit”

Einsamkeit ist in Wahrheit kein Gefühl. Sondern ein Erleben von Bezugslosigkeit. Sich nirgends zugehörig fühlen. Physisch und psychisch isoliert sein. Nicht wahrgenommen werden. Kein Vertrauen und vor allem Scham. All das und viel mehr wird mit Einsamkeit assoziiert.
Eigentlich sollte man meinen, dass in der heutigen Gesellschaft der Möglichkeiten Einsamkeit kein Thema mehr ist. Doch das Gegenteil ist der Fall. Und die Zahlen sprechen für sich. Familienstrukturen zerbrechen, oft durch Wegzug. Ganze Landstriche „veröden“. Finanzielle Probleme treiben in die Isolation. Infrastruktur, vor allem der ÖPNV, bricht weg. Und selbst die Digitalisierung führt in einer, gefühlt immer kleiner werdenden Welt, nicht zu mehr Nähe, sondern zu mehr Distanz. Die Corona-Pandemie hat dies alles, vor allem bei jungen Menschen, noch verstärkt. Einsamkeit ist, wenn man es sehr plastisch darstellt, über 75 oder unter 25 Jahre alt, sie ist vermehrt weiblich und/oder alleinerziehend.
Einsamkeit ist kein Thema einer Generation und, so hat es der SoVD-Ortsverbandsvorsitzende Helmut Burkhardt in seiner Begrüßung formuliert, sie ist Ausdruck eines erodierenden Zusammenhalts der Gesellschaft und schlussendlich eine Gefahr für unsere Demokratie.
Durch das breit besetzte Podium wurden viele Perspektiven in die spannende Gesprächsrunde eingebracht. Die Vertreterinnen der Landesschülerinnen- und Landesschülervertretung RLP (LSV) haben betont, dass Corona zu einer Zuspitzung der Situation führte. Junge Menschen wurden in einer prägenden Phase ihres Lebens praktisch alleine gelassen und eine Aufarbeitung fand praktisch nicht statt. Sie wünschen sich, dass es mehr Schulprogramme gebe, die sich vor allem um Aufklärung und Hilfestellung bemühen, aber auch Jugendliche aktivieren selbst tätig zu werden. Auch auf die mentale Gesundheit muss in Schulen viel mehr eingegangen werden.
Staatssekretär Dr. Denis Alt hat darauf hingewiesen, dass Einsamkeit bis vor wenigen Jahren im öffentlichen Diskurs nicht vorkam. Auch in der Politik musste umgedacht werden. Jetzt geht es darum als Politik Lösungen zu implementieren, die tatsächlich helfen. In Zeiten begrenzter finanzieller Ressourcen müssen Mittel effizient eingesetzt und Fehlallokationen vermieden werden. Es braucht zudem passgenaue Maßnahmen. In Rheinland-Pfalz wird deshalb u.a. stark auf die Gemeindeschwester Plus gesetzt, die ältere Menschen bei ihrem Weg aus der Isolation unterstützen soll. Auch die Digitalbotschafter verfolgen einen ähnlichen Ansatz, indem sie durch digitale Bildung Menschen befähigen am digitalen, gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.
Johannes Huber, Landrat des Landkreises Kusel, hat vor allem die lokale Ebene ins Spiel gebracht und dargestellt, was der Landkreis Kusel, generationenübergreifend, gegen Einsamkeit tut. Es finden z.B Jugendaktionentage und Jugend- und Demokratiekonferenzen statt, lokale Jugendtreffs werden unterstützt und junge Menschen aktiviert selbst aktiv zu werden. Aber auch für ältere Menschen werden Angebote geschaffen, die sie aus der Isolation herausholen sollen, wie z.B. Seniorenmessen oder Tanzcafés. Eine große Herausforderung im ländlichen Raum ist aber vor allem die Sicherstellung der Mobilität. Zwei Aspekte betonte er im Laufe des Gesprächs besonders: Es braucht Netzwerke in unserer Gesellschaft und die lokalen Ebenen können die Herausforderungen nicht alleine stemmen, sondern brauchen (auch finanzielle) Unterstützung von Land und Bund.
Elisabeth Schneider, Gemeindeschwester Plus, stellte vor allem heraus, dass Einsamkeit ein schambehaftetes Thema ist. Das Umfeld verengt sich. Der eigene Radius wird durch körperliche Gebrechen immer weiter eingeschränkt. Ihre Aufgabe sieht sie vor allem darin, Seniorinnen und Senioren miteinander zu vernetzen. Außerdem will sie die Gemeinschaft sensibilisieren für das Miteinander und die Achtsamkeit fördern.
Albrecht Bähr, Vertreter der Diakonie und Vorsitzender der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Rheinland-Pfalz, hat vor allem auf die gesellschaftlichen Dimensionen von Einsamkeit hingewiesen. Menschen fühlen sich verlassen und nicht wertgeschätzt. Eine Gesellschaft darf Menschen nicht daran messen, was sie wirtschaftlich zu leisten im Stande sind. Die politischen Debatten über die Verteilung der finanziellen Ressourcen spaltet die Gesellschaft nachhaltig. Man kann den Eindruck gewinnen, dass innere und äußere Sicherheit „mehr wert ist“ als soziale Sicherheit. Er hofft hier auf ein radikales Umdenken. Wir müssen uns auf die Kräfte im Gemeinwesen besinnen und den Gemeinschaftsgedanken fördern. Neben der Verantwortung der Politik existiert auch immer die eigene, persönliche Verantwortung.
Auch die rund 80 Gäste bekamen die Möglichkeit sich zu beteiligen. Besonders bewegt hat das Statement der ehrenamtlichen Stadtbürgermeisterin von Lauterecken, die hervorhob, dass der ländliche Raum abgehängt wird. Die Sozialräume sind so unterschiedlich, dass hier von Chancengerechtigkeit nicht einmal im Ansatz gesprochen werden kann. Präventionsmaßnahmen gibt es viel zu wenig und zudem kämpfen die lokalen Strukturen damit, dass Ausgaben in diesem Bereich immer freiwillige Leistungen sind und diese in Zeiten knapper Kassen zuerst gekürzt oder gänzlich gestrichen werden.
Zum Abschluss dankte Helmut Burkhardt allen Personen, die zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen hatten, sowie der Ortsgemeinde Hoppstädten für die Überlassung des Bürgerhauses als Veranstaltungsort.
Podiumsteilnehmer (Vorschlag/Idee: zur Auflockerung in einem graphisch abgesetzten Kasten dargestellt; wie rechts, nur schöner)
Dr. Denis Alt, Staatssekretär im Ministerium für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung Rheinland-Pfalz
Johannes Huber, Landrat des Landkreises Kusel
Albrecht Bähr, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Pfalz und Vorsitzender der LIGA der freien Wohlfahrtspflege Rheinland-Pfalz
Elisabeth Schneider, Gemeindeschwester Plus im Landkreis Kusel
Rose Sözer, Bundesreferentin der Landesschülerinnen- und Landesschülervertretung Rheinland-Pfalz
Isabelle Seltenreich, Mitglied des Vorstandes der Landesschülerinnen- und Landesschülervertretung Rheinland-Pfalz
Moderation: Christian Dirb, AWO Darmstadt
Zitate
Dr. Denis Alt: „Zur Bekämpfung von Einsamkeit brauchen wir das Ehrenamt. Und diese Ehrenamtlichen brauchen hauptamtliche Unterstützung.“
Dr. Denis Alt: „Wir müssen Menschen stark machen, damit sie selbst aktiv werden können.“
Dr. Denis Alt: „Über Einsamkeit wurde bis vor wenigen Jahren überhaupt nicht gesprochen. Es gab kein Bewusstsein dafür.“
Albrecht Bähr: „Einsamkeit muss als Thema weit oben auf die gesellschaftliche Agenda.“
Albrecht Bähr: „Wer Menschen danach beurteilt, was sie wirtschaftlich zu leisten im Stande sind, ist verantwortlich dafür, dass sich Menschen alleine fühlen.“
Albrecht Bähr: „Finanzielle Sorgen schaffen Isolation. Das muss Politik ernst nehmen.“